Zigeunersiedlung

Eine neue Zigeunersiedlung

Hinter dem Haus über der Schotterstraße am Wiesenrand oben vor dem Wald sind früher die Zigeunerhäuseln gestanden. Jeder hat von ihnen gewusst, die wenigsten haben jemanden persönlich gekannt von dort, kaum jemand hat sich gestoßen an den windschiefen Hütten aus Lehm, Holz und Stroh. Alles hat provisorisch ausgesehen, wie ein vorübergehendes Lager, und doch hat niemand gewusst, wann die Roma in Eisenberg angekommen sind, weil sie immer schon da waren, zumindest seit dem Mittelalter. Sie haben Alteisen gesammelt und Scheren geschliffen und Messer geschärft und Körbe geflochten und sonntags in den Wirtshäusern musiziert und wenn ihnen jemand etwas geben wollte, haben sie auch gebettelt. Das ging so fort, bis die Nazis kamen und die Zigeuner mitnahmen. Vorher schon hatte es plötzlich geheißen, dass das Schädlinge wären und Feinde des Volkes und gefährliche Kreaturen, die nicht hierher gehörten, doch als sie wirklich weg waren, wusste niemand, wo sie nun seien. In Lackenbach gäbe es ein Lager, hieß es dann, nicht weit weg, dort wären jetzt alle von denen zusammen. Es dauerte nicht lange, bis auch dieses Lager weg war, und bald wusste niemand mehr etwas. Es ist aber allen klar gewesen, dass sich die Zigeuner nicht verbessert hatten, doch dadurch ist niemand ernsthaft beunruhigt gewesen.

Als der Krieg verloren war, kam jedenfalls keiner zurück. Zumindest nicht nach Eisenberg, denn die Zigeunerhäuseln hatten die SSler zusammen mit den Männern aus dem Dorf gleich nach deren Auszug dem Erdboden gleichgemacht. Immer noch wusste keiner, wo deren ehemalige Bewohner sein sollten, vielleicht waren sie irgendwo im Osten, doch sie gingen ohnehin niemandem ab. In Ungarn sollen noch viele gewesen sein, in Jugoslawien auch, kaum mehr als einen Kilometer weit weg hinter der Grenze, die bald gesperrt wurde von den neuen Nachbarn, sodass niemand von denen mehr aus dem Osten zurückkommen konnte, und das Thema geriet in Vergessenheit.

Zigeuner sollte man nicht sagen, lernten die Kinder bald darauf in der Schule, Roma wären das. Für die Kinder war das gleich, weil sich keines von denen etwas vorstellen konnte unter diesem merkwürdigen Namen, weil niemand je welche gesehen hatte. Nur im Gasthof Raffel auf dem Hauptplatz von Jennersdorf, in der nahen Bezirkshauptstadt, spielten die Zigeuner samstags Abend ihre Geigenmusik, aber das waren Ungarn, oder Slowenen? Keine von hier, jedenfalls, und in dem ungarisch dekorierten Saal saßen nur die besseren Leute der Stadt, die Ärzte, die Anwälte, die Kaufleute und die Angestellten, aber nicht die Bauern vom Eisenberg oben.

Auch der kleine Peter Pilz in Eisenberg hat von den Zigeunerhäuseln gehört, aber gesehen hat er sie nie, denn er ist erst nach dem Krieg geboren, wenn auch nicht lange danach. Als Buben sind sie oben zum Waldrand hinauf und haben in den Ruinen gespielt, die mit den Jahren immer weiter in den Wald hineingewandert sind. Das war kein Ort, an dem man bleiben, und kein Ort, über den man reden sollte. Nur die Großmutter hat einmal etwas gesagt zu den Zigeunern, die auf einmal nicht mehr da sein sollten und jetzt wahrscheinlich alle tot wären.

Heute ist Peter Pilz Künstler und arbeitet in engem Kontext mit seinem Umfeld. Er will die vergessenen Saiten seiner Heimat wieder klingen lassen und lädt fünf Künstlerinnen ein, mit ihm eine neue Zigeunersiedlung zu bauen. Jedes Häuschen von einer Frau, nach ihrer Idee, ihren Vorstellungen, Bildern. Freie Assoziationen zum Thema Vertreibung, Verlust, Vermissen, Verrat, Vergänglichkeit. Neue Zigeunerhäuser, die als temporäre Wohn- und Arbeitsquartiere für Künstler dienen sollen, für die unsteten Bewohner der heutigen Zeit, viel unsteter als die Roma des Burgenlandes, von denen es kaum mehr welche gibt: 400 von 7000 haben den Rassenwahn überlebt, in Eisenberg vermutlich keiner.

Text: Lukas Lessing